Glaubensmut säen. Versöhnung ernten.

 
Stadtpfarrkirche zu Glatz (Schlesien), Gerhard Hirschfelders Taufkirche

Kindheit, Jugend und Primiz

Gerhard Hirschfelder wird am 17. Februar 1907 in Glatz als Sohn der ledigen Maria Hirschfelder geboren. Er ist nicht mit einer unbekümmerten Kindheit gesegnet.

Gerhard gleicht vieles durch sein fröhliches und herzliches Naturell aus. Er ist ein beliebter Spielkamerad, spielt gern Theater und sucht Gemeinschaft im „Quickborn“. In Glatz besucht er das Gymnasium und geht dann zum Studium nach Breslau. Im Theologenkonvikt übernimmt er Verantwortung als Kurssprecher. Seine uneheliche Herkunft erschwert ihm den Weg zum Priestertum.

Auch die Tatsache, dass er seine erste heilige Messe, die Primiz, nicht in seiner Taufkirche feiern darf, macht ihm zu schaffen. Doch er weiß sich von Christus getragen, der ihn zum Priestertum gerufen hat und ihm besondere Glaubenskraft und Vertrauen in die Wege Gottes schenkt.

Lebensdaten vom Diener Gottes Gerhard Hirschfelder

17.02.1907 Geboren in Glatz (Schlesien)

31.01.1932 Zum Priester geweiht in Breslau für den preußischen Anteil der Erzdiözese Prag

01.02.1932 Primiz in der Herz-Jesu-Kapelle zu Bad Langenau

1932-1939 Kaplan in Tscherbeney

1939-1941 Kaplan in Habelschwerdt, Diözesanjugendseelsorger für die Grafschaft Glatz

01.08.1941 Verhaftung in Habelschwerdt

bis 15.12.1941 Gefängnis in Glatz

15.12.1941 Transport in das Konzentrationslager Dachau – Herabwürdigung zur Nummer 28972

01.08.1942 nach unsäglichen physischen Qualen, völlig entkräftet und ausgehungert im Konzentrationslager Dachau gestorben

 

Wallfahrt mit seiner Pfarrgemeinde nach Albendorf

Grund der Verhaftung

Den 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten ist Kaplan Gerhard Hirschfelder sehr schnell ein Dorn im Auge. Er versteht es, durch seine lebendige und überzeugende Jugendarbeit und seine guten Predigten, die Jugend für Christus zu gewinnen und sie von den nationalsozialistischen Ideen fernzuhalten.

Seine Predigten werden bespitzelt und notiert, seine Arbeit kontrolliert und die letzte zentrale Jugendwallfahrt am 8. Juni 1941 nach Albendorf mit rund 2.300 Jugendlichen gestört. Er verteidigt die Lehre der Kirche und sagt Jugendlichen und Erwachsenen: „Ich kann nicht schweigen, wenn ich sehe, was auf die Kirche und uns zukommt.“

Als in Habelschwerdt ein religiöser Bildstock zerstört wird, findet er in seiner Predigt am Sonntag danach, 27. Juli 1941, deutliche und unmissverständliche Worte, die in der Aussage gipfeln: „Wer der Jugend den Glauben an Christus aus dem Herzen reißt, ist ein Verbrecher.“ Das bringt ihn ins Gefängnis in Glatz und im Dezember ins Konzentrationslager Dachau, wo er als Märtyrer stirbt.

Grundhaltung seines Lebens

Aus seinem Kommentar zu den Paulusbriefen, niedergeschrieben im Gefängnis in Glatz:

„Nichts dürfen wir scheuen, selbst das eigene Opfer des Lebens nicht.“

„Wo ein Priester nicht Vater und Helfer der Armen wird, ist sein Arbeiten fruchtlos. „Christsein ist starkes Selbstloswerden. Kann man das, ohne im Leid zu stehen?“

Aus Briefen von Menschen, die ihn persönlich kannten:

„Für mich bleibt damals wie heute Gerhard Hirschfelder ein Vorbild, eine ideale Priestergestalt von tiefer Frömmigkeit, weltoffener Herzlichkeit und charismatischer Überzeugungskraft.“

Aus Briefen von Menschen, die den Kreuzweg von Gerhard Hirschfelder beteten:

„Als ich Anfang des letzten Jahres (2002) die Diagnose einer bösartigen Krankheit erhielt, habe ich Trost im Gebet des Kreuzweges von Kaplan Hirschfelder gefunden. Ich habe ihn mehrmals am Tage gebetet. Nach Operation und Nachbehandlung habe ich die Hoffnung, dass jetzt wieder alles gut wird. Nach 8 Jahren: Es ist wieder gut.“

Aus dem Kreuzweg

Niedergeschrieben im Gefängnis in Glatz:

  • Herr, stärke mich und alle Kreuzträger mit deiner Tapferkeit. (Einleitungsgebet)
  • Vielleicht hat die Mutter den Simon zu Hilfe gerufen. Vielleicht ist es auch in meinem Leid die Gottesmutter, die mir den leidenden Heiland zu Hilfe ruft. (5. Station)
  • Aber seit du das Kreuz getragen hast, ist kein Leid­träger ohne deine Hilfe. (7. Station)
  • Herr, wenn man mir auch meine äußere Ehre nimmt, ich bleibe doch Kind Gottes, Kämpfer Gottes, Priester Gottes, das kann mir niemand nehmen. (10. Station)
  • Bald aber kommst du aus dem Grabe als Sieger hervor. Heiland, lass es mich als Trost empfinden, dass hinter jedem Leid wieder einmal die Freude kommt, hinter jeder Verdemütigung die Erhöhung. (14. Station)
Grafschaft Glatz (Schlesien)

19.09.1998 Eröffnung des Seligsprechungsprozesses im Dom zu Münster

03.08.2002 Gedenken des 60. Todestages am Grab von Kaplan Gerhard Hirschfelder mit dem Apostolischen Nuntius Erzbischof Dr. Erwin Ender, Prag (Praha), Bischof Dominik Duka, Königgrätz (Hradec Králové), und Weihbischof Jan Tyrawa, Breslau (Wroclaw). Beim Gedenken an den 60. Todestag von Kaplan Gerhard Hirschfelder sagte der polnische Pfarrer von Tscherbeney (Czermna) Prälat Romuald Brudnowski: „Gerhard Hirschfelder ist ein Deutscher. Wenn er selig gesprochen wird, gehört er uns allen: Deutschen, Polen und Tschechen.“

v. r.: Bischof Dominik Duka, Erzbischof Dr. Erwin Ender, Weihbischof Jan Tyrawa, Großdechant Franz Jung, Prälat Romuald Brudnowski
v. r.: Bischof Dr. Ignacy Dec, Schweidnitz (Swidnica), Großdechant Franz Jung, Generalvikar Josef Socha, Königgrätz (Hradec Králové), am Grab von Kaplan Gerhard Hirschfelder (12.09.2004)

19.09.2010 Seligsprechung im Dom zu Münster

10.10.2010 Feier der Seligsprechung mit Polen, Tschechen und Deutschen in Tscherbeney (Czermna) in der Grafschaft Glatz (Hrabstwo Klozkie)

Überreichung der Positio am 11.04.2002: (v. l.) Domkapitular Martin Hülskamp, Postulator Dr. Andrea Ambrosi (Rom), Großdechant Franz Jung

Eröffnung des Seligsprechungsprozesses am 19.09.1998 in Münster

Zeitzeugen regten an, für diesen vorbildlichen Seelsorger die Seligsprechung einzuleiten. Diese Befürworter lebten bzw. leben heute nach Flucht und Vertreibung aus ihrer Heimat in Deutschland und Tschechien, einige sind in der Grafschaft Glatz (heute Polen) geblieben. So ist Kaplan Gerhard Hirschfelder ein Brückenbauer zwischen Deutschland, Polen und Tschechien.

Wir dürfen ihn als Seligen verehren, ihn um seine Fürbitte anrufen, weil:

  • er ein Vorbild für alle Eltern und Erzieher ist und die Jugend immer tiefer zu Christus führte
  • er ein überzeugter Widerstandskämpfer gegen ein menschenverachtendes Regime wurde und selbst den Tod nicht fürchtete
  • er ein Vorbild dafür ist, dass der Glaube an Christus eine tiefe Frömmigkeit, Herzlichkeit und Fröhlichkeit bewirkt
  • er zum Brückenbauer zwischen Deutschen, Polen und Tschechen geworden ist. Und so beten wir auch weiterhin wie im Gebet um die Seligsprechung: „Sein Leben ist uns Vorbild, es helfe uns, dass Deutsche, Polen und Tschechen den Weg zueinander finden und gemeinsam am Aufbau Europas im christlichen Geiste mitwirken.“ So hat Kaplan Gerhard Hirschfelder Glaubensmut gesät, und wir dürfen Versöhnung ernten.

Kaplan Hirschfelder über den Tod hinaus ein Helfer in der Not

Die Ausstrahlungskraft und Bedeutung Kaplan Hirschfelders auch über seinen Tod hinaus kommt in vielen Zeugenberichten zum Ausdruck. So schreibt Marthel Wolf (früher Tscherbeney): „Er hat auch mich sehr geprägt.“ Und sie fährt fort:

Als er dann ins Konzentrationslager kam und dort starb, stellten wir sein Bild auf. Ich habe es heute noch.

Es war dann im Nachkriegsjahr, als die Polen unsere Heimat besetzten. Das Gemeindeamt wurde von einem polnischen Bürgermeister verwaltet. Die Polen kamen in Gruppen, zogen durch unser Dorf und suchten sich Häuser aus. Dann gingen sie zum Amt mit der Nummer des Hauses, das ihnen gefiel, und bekamen es. Meine Eltern hatten 1933 gebaut, so war das Haus noch nicht alt, und es gefiel ihnen. Als sie das Haus beschlagnahmen wollten, waren wir, meine Mutter und ich, nicht zu Hause. Eine Nachbarin holte uns. Die Polen schrien und schimpften, und wenn wir nicht bald kämen, würden sie die Tür einschlagen. So eilten wir mit großer Angst nach Hause. Es waren drei Männer und eine Frau. Sie schrien auf uns ein und rannten, als meine Mutter aufgeschlossen hatte, durchs Haus, durchwühlten Schränke und Schübe. Plötzlich stutzte der eine, der am meisten getobt hatte und übrigens sehr gut deutsch sprach. Er hatte das Bild von Kaplan Hirschfelder gesehen. Er fragte: „Wie kommt ihr zu diesem Foto?“ Da erzählten wir ihm, dass wir ihn gut kannten. Wie sich ein Mensch in ein paar Minuten so ändern kann. Der Mann wurde ganz ruhig und sagte dann: „Der Mann ist ein Heiliger, mit dem war ich im KZ.“ Nun erzählte er es den anderen in polnischer Sprache. Auch sie waren plötzlich ganz andere Menschen. Sie hielten sich dann nicht mehr lange auf. Am nächsten Tag kamen sie, gaben uns alle Schlüssel zurück, steckten die polnische Fahne heraus und sagten: „Es wird sie nie mehr ein Pole belästigen.“ So war es denn auch, und wir konnten bis zur Vertreibung in unserem Hause wohnen. (gekürzter Bericht)

Was hat Kaplan Gerhard Hirschfelder uns heute noch zu sagen?

„Seien wir alle, Frauen und Männer, die auf diesen Priester schauen, bereit, Leid und Schmerz und Freude und Dank, gute und schlechte Tage anzunehmen aus den Händen eines liebenden Gottes, wie er es annehmen konnte!“ (Bischof Dr. Joachim Reinelt in seiner Predigt beim Eröffnungsgottesdienst zum Seligsprechungsprozess)

Der Dom zu Münster – eine beziehungsreiche Verbindung zum Seligen Kaplan Gerhard Hirschfelder

  • Der Dom trägt den Namen des Apostels Paulus, dem Kaplan Hirschfelder besonders nacheiferte. Die Briefe des Hl. Paulus gaben ihm den geistigen Halt und die Opferkraft, wie dieser als Zeuge Christi ggf. sein Leben einzusetzen.
  • In einer Seitenkapelle ruhen die Gebeine des Seligen Kardinals Clemens August Graf von Galen, des „Löwen von Münster“, ebenfalls ein Widerstandskämpfer gegen die menschenverachtenden Vorgehensweisen der atheistischen Genossen Hitlers. Unter Umständen hätte er zu einem Leidensgefährten Hirschfelders werden können!
  • Noch ein Merkmal scheint erwähnenswert: Kaplan Gerhard Hirschfelder mahnte seine Jugendlichen, zu Gott zu stehen, Christus-Träger zu sein und zu bleiben. Im Dom steht eine überdimensional große Christophorus-Statue!

Termine und Veranstaltungen

Sonntag, 21. Juli 2013

12:00 Uhr Festgottesdienst zum Gedenken an den seligen Gerhard Hirschfelder in der Pfarrkirche in Tscherbeney (Czermna) mit Bischof Dr. Ignaci Dec , Schweidnitz (Świdnica), Großdechant Prälat Franz Jung, Münster, Prälat Romuald Brudnowski, Tscherbeney, und einem Geistlichen aus Tschechien; anschließend Begegnungen im Rahmen des „Tages der deutschen Minderheiten“

Freitag, 2. August 2013

Liturgischer Gedenktag des Seligen
17:00 Uhr Hl. Messe in der St.-Clemens-Kirche zu Münster

30. bis 31. August 2013

67. Jahreswallfahrt der Grafschaft Glatzer nach Telgte unter dem Leitgedanken: „Als Glaubende gehen wir unseren Weg“   

17. bis 24. September 2013

Wallfahrt mit dem Großdechanten Prälat Franz Jung zu den Gnadenstätten im Glatzer Land und zu Orten, die mit dem Seligen Gerhard Hirschfelder in Zusammenhang stehen, unter dem Leitgedanken: „Herr, du trägst mich auf meinem Weg“

Samstag, 21. September 2013

Festlicher Gottesdienst in der Wallfahrtskirche „Maria Hilf“ in Zuckmantel (Tschechien) im Rahmen der Drei-Nationen-Wallfahrt mit Deutschen, Polen und Tschechen

Sonntag, 22. September 2013

12:00 Uhr Festgottesdienst zum Gedenken an den seligen Kaplan Gerhard Hirschfelder in der Pfarrkirche in Tscherbeney (Czermna) mit Bischof Dr. Ignaci Dec ,Schweidnitz (Świdnica), Generalvikar Josef Socha, Königgrätz (Hradec Králové), Großdechant Prälat Franz Jung, Münster, und Prälat Romuald Brudnowski, Tscherbeney